Ionosonden im Funkalltag

 Präzise Bandwahl statt Funkwetter-Raten


Der Artikel wurde im Funkamateur 11/26 veröffentlicht.

1. Einleitung


Wenn Funkamateure die Bedingungen für die Wellenausbreitung beurteilen wollen, greifen sie oft auf das weltweite Funkwetter wie Sonnenflecken oder den solaren Flux-Index zurück. Diese Werte liefern jedoch nur ein grobes, für den täglichen Funkbetrieb vor Ort oft zu ungenaues Bild.

Hier bieten Ionosonden die verlässlichsten Primärdaten. Diese wissenschaftlichen Radaranlagen vermessen die Ionosphäre vertikal und absolut objektiv, indem sie Radiowellen direkt in den Himmel schießen und das Echo registrieren. Das Ergebnis dieser Messung ist das Ionogramm – eine Grafik, die die aktuelle Verfassung der Atmosphäre wie auf einem Röntgenbild sichtbar macht und eine präzise Bandselektion vor dem Einschalten des Transceivers ermöglicht. Für den europäischen Raum liefern die Sonden in Juliusruh (Rügen), Dourbes (Belgien) und Průhonice (Tschechien) im 5- bis 15-Minuten-Takt Echtzeitdaten.

(Passend dazu bietet sich ein Blick auf das Live Weltraumwetter-Dashboard an, um die aktuellen Kennwerte direkt abzugleichen).


2. Ionosonden (Messprinzip und Diagramm-Struktur)


Das Messprinzip der Impulslaufzeit


Eine Ionosonde strahlt hochfrequente Impulse senkrecht nach oben ab und durchläuft dabei kontinuierlich ein Frequenzband von etwa 1 MHz bis 20 Mhz oder 30 MHz

  • Trifft das Signal auf eine Schicht mit ausreichend hoher Elektronendichte, wird die elektromagnetische Welle zur Erde reflektiert.

  • Die Anlage misst die exakte Laufzeit des Echos und berechnet daraus die sogenannte virtuelle Höhe (h') der reflektierenden Schicht.

  • Da die Funkwelle in den geladenen Schichten abgebremst wird, zeigt das Gerät eine verzögerte virtuelle Höhe an – kurz vor dem Durchbruch einer Schicht schießt die Linie deshalb scheinbar senkrecht nach oben.

  • Mit steigender Frequenz dringt das Signal tiefer in die Ionisationsschichten ein, bis die kritische Grenze erreicht ist: Ab dieser Frequenz reicht die Ionisation nicht mehr aus, um die Welle umzulenken; das Signal bricht nach oben durch und entweicht ungenutzt in den Weltraum.



Der Achsen-Check im Ionogramm


Das Ionogramm stellt die Messergebnisse in einem einfachen Liniendiagramm dar:

  • Die waagerechte Achse (Frequenz in MHz): Die Messkurve wandert von links nach rechts zu den höheren Frequenzen. Der Punkt, an dem die Kurve abrupt abbricht oder steil nach oben entweicht, markiert das Limit des Reflexionsvermögens.

  • Die senkrechte Achse (Virtuelle Höhe in km): Zeigt an, in welcher „Etage“ das Signal umgelenkt wurde. Typische Werte liegen für die E-Schicht bei zirka 100 Km und für die F2-Schicht zwischen 250 und 400 Km.


3. Die wichtigsten Praxis-Kenngrößen im Überblick







4. Deutschland und Nachbarländer (< 500 km) — NVIS (Near Vertical Incidence Skywave)



  • Das Ziel: Zuverlässiger Funkbetrieb im Nahbereich von 0 bis ca. 300 Kilometern (z. B. für regionale Runden oder Notfunk-Anwendungen).

  • Die Technik: Es wird mit einer tief hängenden Antenne (Steilstrahler) in einem steilen Winkel von 60° bis 90° fast senkrecht nach oben gefunkt, sodass das Signal eine harte 180-Grad-Kehrtwende in der Ionosphäre vollziehen muss.

  • Die Ausbreitungsregel: Die gewünschte Betriebsfrequenz MUSS UNTER dem aktuellen Wert der foF2 liegen.


Praxis-Szenarien für NVIS


  • Grünes Licht: Liegt die foF2 im Diagramm beispielsweise bei 7,5 MHz, ist das 40-Meter-Band perfekt für den Regionalverkehr geöffnet, da die Schicht dicht genug ist, um die steilen Wellen komplett zurückzuwerfen.

  • Rotes Licht (Die Totzone schlägt zu): Sinkt die FoF2 unter die Betriebsfrequenz (z. B. nachts auf 4 MHz, durchbrechen die 40-Meter-Signale bei steiler Abstrahlung die Ionosphäre und entweichen ins All. Es entsteht die berüchtigte „Tote Zone“ im Umkreis von einigen hundert Kilometern um die eigene Station. Man hört den Funkfreund im Nachbarort nicht mehr; das Signal kommt erst nach einem flachen Reflexionswinkel tausende Kilometer entfernt wieder auf die Erde. In diesem Fall muss zwingend auf das 80-Meter-Band ausgewichen werden.

  • Besonderheit Winteranomalie: Durch chemische Prozesse in der oberen Atmosphäre ist die foF2 an Wintertagen tagsüber oft deutlich höher als im Sommer. Das 40-Meter- und selbst das 30-Meter-Band funktionieren dann tagsüber regional absolut fantastisch.


5. Weitverkehr um die Welt (DX, > 500 km)


  • Das Ziel: Interkontinentale Verbindungen in andere Kontinente mit Reichweiten von 1.000 bis 4.000 Kilometern pro Reflexionssprung (Hop).

  • Die Technik: Die Antenne (z. B. Vertikalantenne oder hoher Beam) strahlt das Signal in einem extrem flachen Winkel (3° bis 15°) über dem Horizont aus. Das Signal kratzt die Ionosphäre nur schräg an und wird dadurch aufgrund des geometrischen Winkels viel leichter und bei deutlich höheren Frequenzen reflektiert als bei senkrechtem Auftreffen.

  • Die Ausbreitungsregel: Die Betriebsfrequenz MUSS UNTER dem Wert der MUF3000 liegen. Steht in der Tabelle z. B. eine MUF von 29,5 MHz, ist das 10-Meter-Band offen für weltweiten DX-Verkehr.



6. Anomalien und atmosphärische Störungen im Diagramm


Abseits der Standardparameter lassen sich gravierende Störungen des Funkwetters direkt per Bilderkennung im Ionogramm ablesen:

  • Spread-F (Zerkratzte Linien):

    • Erkennung & Ursache: Es ist keine klare Linie im oberen F-Bereich sichtbar, sondern eine dicke, ausgefranste Punktewolke, verursacht durch einen Sonnensturm oder ein unruhiges Magnetfeld.

    • Auswirkung: DX-Signale klingen im Shack stark flatternd (Flutter-Fading) und sind sehr unruhig.

  • Blackout (Mögel-Dellinger-Effekt):

    • Erkennung & Ursache: Das Diagramm ist im unteren Bereich abrupt abgeschnitten oder vollkommen leer und weiß. Ursache ist intensive Röntgenstrahlung eines solaren Flares, welche die dämpfende D-Schicht extrem auflädt.

    • Auswirkung: Die Kurzwelle ist für Stunden komplett tot.

7. Das Sommer-Wunder: „Sporadic-E“ (Es)


  • Das Ziel: Sensationelle Reichweiten innerhalb Europas auf den oberen Bändern (10m, 6m oder sogar 2m), die im Sonnenfleckenminimum für den DX-Verkehr sonst völlig tot sind.

  • Erkennung im Ionogramm: In der E-Schicht (etwa bei 100 bis 120 km Höhe) bildet sich plötzlich eine messerscharfe, kräftige und schnurgerade waagerechte Linie, die sich extrem weit nach rechts zu höheren Frequenzen zieht. Dies signalisiert die Aktivität hochverdichteter Ionen-Wolken.

  • Zeitraum: Tritt hauptsächlich spontan (sporadisch) in den Sommermonaten Mai bis August auf, bevorzugt am späten Vormittag und frühen Abend, und ist völlig unabhängig von den klassischen Sonnenflecken.

Die Frequenz-Indikatoren anhand der FtEs-Spur

Der Wert ftEs gibt die höchste Frequenz der sichtbaren Sporadic-E-Spur an und dient als direkter Indikator für Bandöffnungen:

  • ftEs > 10 MHz: Sofort auf das 10-Meter-Band schalten – das Band ist offen für Europa-DX.

  • ftEs > 15 MHz: Das 6-Meter-Band („The Magic Band“) öffnet. Stationen aus Südeuropa oder England sind mit brachialen Feldstärken zu hören.

  • ftEs > 25 bis 30 MHz: In seltenen Fällen lohnt sich nun der Versuch auf dem 2-Meter-Band (144 MHz) in SSB oder FT8, um Distanzen von ca. 1.200 bis 2.000 km zu überbrücken.

Wichtiger Ausbreitungseffekt: Wenn Sporadic-E aktiv ist, werden die Signale bereits so tief unten (bei 100 km) gespiegelt, dass sie die darüber liegende F2-Schicht gar nicht mehr erreichen. Das Ionogramm ist oberhalb der E-Schicht dann oft wie abgeschnitten oder komplett leer. Für weltweiten DX-Verkehr um die halbe Welt ist dies ein schlechtes Zeichen, für den innereuropäischen UKW-Verkehr hingegen das absolute Maximum.


8. Praxishinweise für den Shack & Live-Ionosonden

Taktische Nutzung des Reflexionspunkts (Reflection Point)

Da sich die Ionosphäre korrespondierend mit dem Sonnenstand von Ost nach West auflädt und wieder abkühlt, sollte bei Transatlantik- oder Transasien-Verbindungen stets eine Ionosonde konsultiert werden, die sich nahe der Mitte der Funkstrecke (auf der Hälfte der Distanz) beim voraussichtlichen Reflexionspunkt befindet. Wer am Abend DX nach Nordamerika anstrebt, zieht die Messwerte aus England oder Irland heran, um das Schließen des Ausbreitungsfensters zeitlich präzise abzulassen.


9. Verweise ins Internet


  • Dieser Blog: Hier sei als erstes nochmals auf die aktuellen Daten für das Weltraumwetter in diesem Blog hingewiesen

  • GIRO / DIDBase (Global Ionospheric Radio Observatory): Die weltweite Datenbank der Lowell University, über die fast alle aktiven Digisonden im standardisierten SAO-Format abgerufen werden können. Link: giro.uml.edu

  • Ionosonde Juliusruh (Deutschland) – IAP: Unverzichtbare Referenzstation für den deutschen Raum zur Bestimmung der aktuellen Kennwerte für den NVIS- und Short-Skip-Betrieb. Link: ionosonde.iap-kborn.de

  • Ionosonde Průhonice (Tschechien): Grenznahe Station zur präzisen Absicherung der Messdaten für den ost- und süddeutschen Raum. Link: ufa.cas.cz

  • Ionosonden-Daten Europa (Kgl. Sternwarte Belgien): Direkter Zugriff auf die alle 5 bis 15 Minuten aktualisierten Ionogramme und extrahierten Parameter ( foF2, MUF 3000) der Station Dourbes sowie angeschlossener europäischer Sonden. Link: ionosonde.oma.be

  • Ionosonden Rom & Gibilmanna (Italien) – INGV: Essentiell zur Beobachtung der Ionisationsdichte in Richtung Mittelmeer und Nordafrika (wichtig für beginnende Überreichweiten auf den klassischen DX-Bändern und 6m). Link: ionos.ingv.it

  • Ionosonde Athen (Griechenland): Wichtige Stützstelle für die Beurteilung von Süd-Ost-Pfaden Richtung Naher Osten. Link: iono.noa.gr

  • Ionosonde Chilton (Großbritannien): Abdeckung des Nordwest-Quadranten; ideal zur Verifikation des Signalwegs vor dem Einstieg in den transatlantischen Hop. Link: ukssdc.ac.uk




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